30.10.2026
Ostsee zwischen Handel und Sicherheit: Häfen brauchen mehr Investitionen
„Was wir im Ernstfall benötigen, müssen wir heute finanzieren.“ Mit dieser Forderung hat Prof. Dr. Sebastian Jürgens beim 11. Deutsch-Finnischen Hafentag in Lübeck für eine stärkere Unterstützung der Seehäfen durch den Bund plädiert. Der Geschäftsführer der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG) und Präsident des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) verwies auf die veränderte Rolle der Ostsee: Sie sei eine Lebensader des Handels, insbesondere für Finnland, und zugleich eine sicherheitspolitische Schlüsselregion geworden. Angesichts neuer Anforderungen an Versorgungssicherheit und militärische Mobilität müssten die Häfen entsprechend ausgestattet werden. Jürgens bezifferte den Investitionsstau in den deutschen Seehäfen auf rund 15 Milliarden Euro und forderte eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an ihrer Grundfinanzierung in Höhe von 500 Millionen Euro jährlich.
Bernd Jorkisch, Honorarkonsul der Republik Finnland in Lübeck, stellte in seiner Begrüßung die wirtschaftliche Bedeutung des Ostseeraums heraus: „Dieser Wirtschaftsraum liegt vor der Haustür, der deutsche Handel ohne Russland lag 2025 bei insgesamt 340 Milliarden Euro“, sagte er mit Blick auf die Ostseeanrainer. Zum Vergleich: Den deutschen Außenhandel mit China bezifferte er auf 250 Milliarden Euro, den mit den USA auf 240 Milliarden Euro. Jorkisch bezeichnete den Ostseeraum als „Zukunftsregion Europas“ und Lübeck als wichtige logistische Drehscheibe. Zugleich mahnte er, Häfen angesichts ihrer Bedeutung für Wirtschaft und Sicherheit als nationale Aufgabe zu begreifen.
Mehr als 400 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Diplomatie waren am Mittwoch der Einladung von LHG, Honorarkonsulat der Republik Finnland und Hansestadt Lübeck in die Musik- und Kongresshalle gefolgt.
Sicherheit endet nicht an der Kaikante
Die neuen Anforderungen betreffen nach Überzeugung von Jürgens nicht nur die Häfen selbst, sondern die gesamte Transportkette. Ein Hafenausfall treffe weit mehr als die Terminals: Industrie, Handel und Verbraucher seien auf funktionierende Lieferketten angewiesen. Deshalb müssten Kaianlagen, Umschlagflächen, Schienenwege und Straßen gemeinsam betrachtet werden. Wie konkret die Herausforderungen bereits sind, zeigt sich in Lübeck: Dort hat die LHG nach Jürgens' Angaben gemeinsam mit Reedereien Übungen für den Fall eines Cyberangriffs durchgeführt. Dabei gehe es um abgestimmte Krisenabläufe und klare Kommunikationswege entlang der gesamten Transportkette.
Auch die finnische Hafenwirtschaft sieht Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zunehmend als gemeinsame Aufgabe: Marko Mykkänen, Geschäftsführer des Hafens Oulu und Vorsitzender des finnischen Hafenverbands, warnte vor steigenden Logistikkosten und betonte, dass sichere Häfen zugleich wettbewerbsfähige Häfen seien.
Die militärische Dimension verdeutlichte Konteradmiral Richard Kesten, Chef des Stabes im Marinekommando. Er beschrieb die Ostsee in der Podiumsdiskussion als strategischen Transportraum, dessen Verwundbarkeit durch neue technische und geopolitische Entwicklungen zugenommen habe. Umso wichtiger sei die abgestimmte Vorbereitung von Behörden, Streitkräften und Wirtschaft.
Finnlines investiert in die Zukunft Travemündes
Dass die Unternehmen ihre Verkehrsnetze trotz der angespannten Sicherheitslage weiterentwickeln, unterstrich Finnlines-Chef Thomas Doepel: Seine Reederei plant, 2028 und 2029 drei neue RoPax-Fähren der „Hansa Superstar“-Klasse auf der Verbindung Travemünde-Helsinki einzusetzen. Mit jeweils 5.100 Lademetern bieten sie mehr als 20 Prozent zusätzliche Ladekapazität gegenüber den bisherigen Schiffen der „Star“-Klasse. Diese sollen schrittweise auf die Verbindung Travemünde-Malmö wechseln. Doepel hob zugleich hervor, wie wichtig leistungsfähige Hinterlandverbindungen für Travemündes Rolle als Verkehrsdrehscheibe bleiben.
Gemeinsam für einen sicheren Ostseeraum
Schleswig-Holsteins Europaministerin Cornelia Schmachtenberg plädierte für eine engere Zusammenarbeit der Ostseeanrainer. Den Schutz kritischer Infrastruktur und die Abwehr hybrider Angriffe könne kein Staat allein gewährleisten. Dafür brauche es gewachsene Netzwerke und verlässliche Partner.
Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau zog ein zuversichtliches Fazit des Hafentags: Trotz der neuen Herausforderungen gebe es unter den Beteiligten eine breite Bereitschaft, gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Wie sehr sich der Deutsch-Finnische Hafentag inzwischen als Plattform für wirtschaftlichen Austausch und internationale Zusammenarbeit etabliert hat, brachte Finnlands Botschafter Kai Sauer mit einem augenzwinkernden Vergleich auf den Punkt: Die Veranstaltung sei eine Art „maritimes Davos“ – allerdings bodenständiger und leichter zugänglich.

